Goodwood Revival 2012, 2014, 2018

Goodwood Revival 2012  - 146.004 Verrückte, davon vier in Lederhosen…

… und der Ober-Verrückte ist Sir Charles Gordon-Lennox, bekannt als Earl of March und Besitzer weitläufiger Ländereien inklusive eines Schlossparks im klimamilden Südwesten von England, wo die Palmen am Straßenrand wachsen wie an der Cote d'Azur.

Der Clou des sanft hügeligen Areals namens Goodwood: Es beinhaltet eine gut vier Kilometer lange Rennstrecke, auf der bereits 1936 der Großvater des heutigen Earl zu privaten Rennen einlud.

Der ebenso Motorsport-begeisterte wie hochgradig Oldtimer-verrückte Enkel machte vor 15 Jahren Nägel mit Köpfen und rief damals erstmals öffentlich zum Goodwood Revival Meeting auf seinem Circuit auf. Ab dann sollten nicht nur Freunde sowie Freunde von Freunden mit ihren alten Rennwagen und Oldtimern kommen, sondern auch zahlendes Publikum. Allerdings stellt der stets vornehm und freundlich auftretende Earl bis heute eine Bedingung: Das Publikum möge in zeitgenössischer Kleidung erscheinen. Im Gegenzug verpflichtet sich der 57-jährige Schlossherr, während des Revival Meetings auf jegliche Art von aufdringlich-modernen Sponsoren zu verzichten. 

Und so präsentiert sich uns das weitläufige Gelände als eine Zeitreise. Wir befinden uns irgendwo in den 1950er bis 1960er Jahren.

In einer zusammen mit den Eintrittskarten versendeten Broschüre klärt der Veranstalter die Neulinge unter den Besuchern höflich auf, was verpönt ist: Bitte keine Urlaubershorts, keine Adiletten, keine Baseball-Käppis, keine modernen Jeans. Was in Deutschland beim prinzipiell vergleichbaren Oldtimer-Grand-Prix am Nürburgring niemals funktionieren würde, weil sich der Großteil der Leute einfach nicht daran halten würde, klappt in England vorzüglich. Gefühlt sind 145.000 der 146.000 Besucher, darunter erstaunlich viele Familien mit Frau und Kinder tatsächlich stilgerecht gekleidet: Knickerbocker-Hosen, karierte Wollkappen sowie Militär- und Marine-Uniformen bis hin zu Teddy-Boys and Girls oder 60er-Jahre Outfits.

Auch wir vier Oldtimer-Freunde aus Oberbayern verneigen uns selbstverständlich voller Respekt vor dem Traditionsbewusstsein der Engländer und haben unsere traditionelle Tracht mitgebracht: Lederhosen, Leinenhemden sowie Haferlschuhe und Kniestrümpfe.

„Nice Leiddrrhooussn“, diesen stets freundlichen Kommentar von englischen Frauen und Männern hören wir in den nächsten drei Tagen viele Dutzend Male. Und wir lernen schnell: Man gibt anschließend ein Kompliment zurück, vornehmlich an die Damen. 

Wir schlendern über das Gelände und kommen schon nach wenigen Minuten aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Ausstattung und Dekoration des Areals begeistern uns mit ihrer unbedingten Liebe zum Detail. Schon die vorab per Post verschickten Eintrittskarten aus aufwendig gealtertem Kartonpapier gaben einen ersten Hinweis darauf, was uns erwarten würde. Doch die Wirklichkeit schlägt alles. Die Briten haben alle Register gezogen. Natürlich dekorieren Reklametafeln die Rennstrecke, aber nicht Energydrinks werden damit beworben, sondern längst verblichene Motorölmarken. Alle Ordnungskräfte stecken in stilgerechten Overalls. Ihre Ausweise sind nicht aus Plastik, sondern selbstverständlich aus Pappe, die mittels Hanfschnüren um ihre Oberarme gebunden sind. Die geschätzt 25 Fressbuden rund um die Rennstrecke nutzen als Basisfahrzeug selbstverständlich keine modernen Fiat Ducato, sondern herrlich verquollene Altlieferwagen wie Austin Omnivan oder Citroen HY. Für die Zuschauer, die von einer Kurve des Rings zur nächsten transportiert werden wollen, stehen Personenanhänger bereit, die von selbstverständlich uralten Traktoren gezogen werden – mit oft ebensolchen Männern am Steuer. Auf dem Gelände gibt es neben den Originalen nachgebaute Läden und Werkstätten auch einen Vintage Hairshop in einem großen Zelt, wo vier Friseure den Kundinnen und Kunden stilechte Haarschnitte und Steckfrisuren aus den vergangenen Jahrzehnten verpassen. Immer etwa alle 15 Sekunden stuppst irgendeiner von uns einen anderen an, um ihn auf eine neue Skurrilität aufmerksam zu machen. Wir wissen gar nicht mehr, in welche Richtung wir zuerst sehen sollen. Das Goodwood Revival ist für Oldie-Fans eine praktisch ununterbrochene Reizüberflutung. Schon nach dem ersten von drei Tagen sitzen wir abends wie benommen am Esstisch unserer kleinen Landherberge und können die zahllosen Eindrücke des vergangenen Tages kaum verarbeiten. 

Dabei war von den Rennen selbst noch gar nicht die Rede. Denn auch die sind unfassbar unterhaltsam. Nicht nur, dass die Teilnehmer aus diversen Ländern herrlich herzhaft mit ihren lautstarken Spielzeugen umgehen. Auch die Autos selbst sind sehenswert und abwechslungsreich. Denn das Goodwood Revival ist ein Einladungsrennen. Ein Komitee achtet dabei darauf, dass nicht – wie bei kontinentaleuropäischen Veranstaltungen – ganze Rudel von Porsche 911, Jaguar E oder Alfa Bertone das Starterfeld füllen, nur weil dies die siegträchtigsten Autos sind. Nein, auf dem Goodwood Revival ist eine ungeheure Vielfalt von Fahrzeugtypen vertreten. 

Und so kann man auch absonderliche Rennautos wie einen Standard Vanguard, einen Tatra 613, einen Renault 4CV oder einen Austin A40 im amüsanten Dauerdrift genießen. Dauerdrift auch deshalb, weil sich der Hausherr moderne Rennreifen verbittet, so dass alle mit immer noch produzierten 60er-Jahre-Dunlops antreten müssen.

Britische Oldie-Rennfahrer zelebrieren eine Vorliebe für möglichst skurrile Rennfahrzeuge. Da kämpfen riesige und 1,7 Tonnen schwere Jaguar MK VII (innen mit Wurzelholz-Armaturenbrett und Überrollkäfig) Türgriff an Türgriff gegen winzige Austin A35. Beide sind verblüffend schnell, weil der dicke Jaguar ähnliche Motorentechnik hat, wie ein späterer E Type und der buckelige Austin prinzipiell den gleichen Motor hat wie ein späterer Mini Cooper – prinzipiell jedenfalls. 

Den ganzen Tag jagt eine Sensation die nächste: Wer hat schon einmal eine 2,5 Tonnen schwere Bentley-Limousine (!) aus den 1930er Jahren bei Tempo 150 im Kurvengrenzbereich gesehen?

Kaum ist das Rennen der Vorkriegsklassiker beendet, steigen in der kurzen Pause bis zum Start der nächsten Rennklasse ein paar Oldtimer-Flugzeuge auf. Denn auf dem gepflegten Gras-Infield der Rennstrecke hat der Lord für seine internationalen Fliegerkumpels eine Start- und Landebahn ausflaggen lassen. Und so finden sich über die drei Tage geschätzt 50 verschiedene Oldtimer-Flugzeuge ein. Ein Weltkriegs-Jagdflugzeug vom Typ Mustang zieht ebenso lässig über die Köpfe der Zuschauer hinweg wie ein viermotoriger Lancester-Bomber oder auch eine zivile Douglas DC-3 mit riesigen Sternmotoren.

Bis zur nächsten Startaufstellung gibt es dann eben auf der Start-Ziel-Geraden ein Rennen mit antiken Tretautos für Kinder bis acht Jahren, das jedoch vom Streckensprecher so professionell kommentiert wird, als ginge es um die Formel-1-Weltmeisterschaft: „A tremendous race!“. 

Doch über allem steht die englische Disziplin und Höflichkeit. Selbstverständlich gibt es auch kein Gedrängel vor den Toiletten oder gar am Einlass zum Festival-Gelände. Alle stehen in der Schlange. Auch bei jeder morgendlichen Hinfahrt zum Schlosspark von Goodwood geht es diszipliniert zu. Wenn aus allen Richtungen die Zuschauer mit ihren Oldtimern und modernen Autos strömen, wird selbstverständlich bei einer Verengung der Fahrspuren der Nebenmann großzügig nach vorne gewunken und nicht etwa abgedrängt. Rücksicht auf andere ist eine Selbstverständlichkeit, die hier niemand eigens einfordern muss. Auch der Rennmarschal, dem lediglich eine Trillerpfeife zur Verfügung steht, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, hat keinerlei Mühe, die gut Tausend Zuschauer, die sich gerade mal wieder im offen zugänglichen Vorstartbereich drängen, zum Zurückweichen zu bewegen, um die nächste Renngruppe auf die Strecke durchzuwinken. Sparsame Gesten und ein kurzer Pfiff genügen, schon machen alle ohne Murren eine Gasse frei.

Verbunden ist die Höflichkeit mit einer ansteckenden Lockerheit. Vor einem Doppeldeckerbus, der als Café dient, reiht sich wie selbstverständlich auch ein Pilot mit uralter Fliegerjacke, der gerade 20 Meter entfernt aus seiner geschätzt 10-Millionen-Euro teuren 50erJahre-Jagdmaschine geklettert ist, in die 15 Mann-Schlange ein und begrüßt die vier staunenden Bajuwaren mit einem freundlichen „nice Leddrrhoousen, Gentleman“. 

Und wenn jemand Lust hat, dem Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason im Fahrerlager die Hand zu schütteln, während er den Achtzylinder-Reihenmotor seines 30er-Jahre-Alfa Romeo 2300 8C warmlaufen lässt, da geht man eben zu ihm hin. Keine Absperrungen, kein peinliches VIP-Gedöns. In den Boxen stehen mehrere Hundert Rennoldies herum, von denen jeder nicht weniger als eine schöne Immobilie in München wert ist. Trotzdem kann jeder in die Box spazieren und bekommt auf eine höfliche Frage („Excuse me, Sir“) auch selbstverständlich eine freundliche Antwort.

Allein der Oldtimer-Parkplatz der Besucher ist eine komplette Tagestour wert. Zum einen ist er riesig – wir schätzen an die 20.000 Oldies. Und was für welche. Die sieht man bei uns in Kontinentaleuropa so gut wie nie. Die merkwürdigsten Schöpfungen britischer Automobilbaukunst kann man hier live betrachten. Von Gilbern über Wolseley bis zu sämtlichen Kuriositäten der englischen Abteilung der Ford Motor Company wie Ford Pilot, Prefect Corsair und natürlich der auch bei uns bekanntere Cortina. Aber ein 500.000-Euro Bentley steht hier offen genauso auf der Wiese wie ein Mini Cooper mit einem Hundertstel dieses Werts. Und wenn es überraschend zu regnen beginnt, organisieren englische Besucher schnell eine Plane oder Decke für das fremde Auto.

Auch am zweiten und dritten Tag macht uns das gebotene Spektakel sprachlos und die stets erlebbare Entspanntheit glücklich. Wieder gibt es ununterbrochen viel zu sehen. Da donnern Dutzende von 50er-Jahre Motorräder um die Strecke: Norton, BSA, Triumph, BMW, Gilera, MV Agusta. Dann jagen sich unbezahlbare 30er-Jahre-Silberpfeile von Mercedes und Auto Union um den Kurs. Dazwischen kann man ein paar Weltkriegs-Jagdflugzeugen beim Looping zusehen oder einer antiken Dampfdreschmaschine bei der Getreideernte. Denn das Infield des Circuit dient nicht nur als Flugfeld, sondern auch auf einem eigens angelegten Acker zur Feldbearbeitung mit antiken Traktoren und Maschinen – den ganzen Tag lang. Auch gibt es eine liebevoll angelegte Dauerbaustelle, auf der ein asthmatischer 40er-Jahre-Seilbagger eine Grube aushebt und das Erdreich auf ulkige britische Laster lädt.

Sehenswert ist auch der Triumphzug, der zu Ehren des amerikanischen Rennfahrers und Konstrukteurs Dan Gurney organisiert wird. Gurney trat zwischen 1959 und 1970 mit unterschiedlichsten Renngeräten an – vom Formel-1-Renner über Tourenwagen bis Motorräder. Er war berüchtigt dafür, dass er mit jedem neuen Renngerät gleich in der erstbesten Runde ans Limit fuhr und ist daher auch in England wegen seiner spektakulären Fahrweise überaus beliebt. Der 81-jährige kann selbst leider nicht mehr Autofahren, wird aber von diversen Rennfahrer-Kumpels in einem Konvoi, bestehend aus seinen alten Rennwagen, um den Kurs chauffiert – in Gurney-mäßigen Tempo, versteht sich. 

Gelassene Stimmung und britischer Humor herrscht auch außerhalb des Festivals. So treffen wir am Morgen des Sonntags in einem verschlafenen Örtchen zu unserer Überraschung auf einen geöffneten Lebensmittelladen. Wir treten ein, grüßen die etwa 60-jährige Besitzerin an der Kasse und geben dabei unserer Verwunderung Ausdruck, dass auch sonntags geöffnet sei: Well, antwortet die englische Lady mit einem freundlichen Lächeln auf den schmalen Lippen, sie mache auch am Sonntag ihren Laden auf, denn es sei ja schließlich egal, an welchem Wochentag man ausgeraubt und erschossen werde.


Goodwood Revival 2014 und 2018

Begeistert von den Erzählungen der Clubfreunde haben weitere Clubmitglieder 2014 und 2018 Englandurlaube (auf Achse im Alltags-XJ) mit einem Besuch des Goodwood Revivals verbunden.

 

Nachdem der Manx Grand Prix auf der Isle of Man, die Besuche von Beaulieu - dem größten britischen Oldtimermarkt nebst sehenswerten Museum, dem British Motor Museum und Brooklands schon unvergessliche Erlebnis waren, hat Goodwood den krönenden Abschluss der Inselaufenthalte gemacht.

 

Das Goodwood Revival hat absolutes Suchtpotenzial!

 

Was immer wieder erstaunt, ist wie "schmerzfrei" die Fahrer mit Ihren Rennfahrzeugen umgehen. Auch Pretiosen wie Maserati 250 F, Ferrari Breadvan, Jaguar XKSS oder Ford GT40 werden in keiner Weise geschont. Das Goodwood Revival hat - bis auf Ausnahmen wie ein kurzes Korso zu Ehren eines Rennfahrers wie Jack Brabham - keine Demonstrationsfahrten zu bieten. Die Rennen sind echte Rennen, bei denen schon mal millionenteure Fahrzeuge wie ein Ferrari GTO nach Kontakt in der Bremszone mit einer vergleichsweise billigen AC Cobra verbeult im Kiesbett landen. Oder ein Lister Jaguar frontal in die Reifenstapel einschlägt. Oder ein Motor - trotz aufwändiger Vorbereitung (wenn man vor Ort hört wie die 6-Zylinder Jaguar XK-Motoren "schreien" kann man sich ausrechnen mit wieviel Arbeitsaufwand welches Material verbaut wurde) - platzt. Dann kommt der zeitgenössische Abschleppwagen von Land Rover oder ein alter Flachbett und räumt die Überreste aus dem Weg, damit das Rennen weitergehen kann.

 

Neben den Besitzern sind auch ehemalige und teils aktive Rennfahren am Start und bewegen die Fahrzeuge der Eigentümer artgerecht. Da sind dann Namen wie Jean Alesi, Tom Kristensen, Frank Stippler oder der unverzichtbare (weil Goodwood Club Member) Jochen Maas und viele englische Tourenwagen und Formelfahrer darunter. Und bei den Motorrädern hat der zweifache Superbike-Weltmeister Troy Corser auf einer handgeschalteten BMW R5 Kompressor von 1929 das gesamte Feld mit Teilnehmern wie den 23-fachen (in Worten: dreiundzwanzig) Isle of Man Tourist Trophy-Gewinner John McGuiness auf Norton Manx oder dreifachen 250er und 500er Weltmeister Freddie Spencer und vielen anderen verblasen.

 

Kommentiert wird dies alles wunderbar durch sehr kompetente und gut gelaunte Streckensprecher wie dem Top Gear und Fifth Gear-Moderator und ehemaligem Rennfahrer Tiff Nedell.  

 

Die vielen Attraktionen neben den Rennen wurden seit dem ersten Besuch 2012 laufend ausgebaut und die Organisation weiter perfektioniert. Die Veranstalter lassen sich jedes Jahr etwas neues einfallen. So waren 2018 nahezu alle weltweit existierenden Jaguar XKSS in einem Sonderlauf am Start.

 

Wir freuen uns schon auf den nächsten Besuch! Bis dahin hat der XJ auch wieder TÜV ;-)